Kapitel 4 & 5 von „Liam und die Hilfe von oben“ jetzt verfügbar

Du möchtest mal wieder eine schöne und herzerwärmende Geschichte lesen, vielleicht auch mal fernab des ABDL-Genres? Dann schau dir doch mal meine neue Geschichte "Liam und die Hilfe von oben" an. Frisch upgedatet mit Kapitel 4 und 5. Viel Spaß beim Lesen!

Liam und die Hilfe von oben

[03] Der hochwohlgeborene Liam

Es dauerte eine geschlagene Ewigkeit, bis meine Mutter eintraf. Als sie das Sekretariat betrat und mich anschaute, tat sie das mit einem Blick, den ich nie vergessen werde. Es war keine Wut, kein Zorn – nur blanke Enttäuschung und das war für mich noch schlimmer, als wenn sie mich angeschrien hätte. Sie betrat das Büro ohne mich und sprach mit dem Direktor. Kurz darauf öffnete sich die Tür zum Sekretariat erneut und herein kam ein Mann mittleren Alters, der allerdings noch recht jung erschien. Seine Haare trug er mittellang, sodass sie ihm schwungvoll auf die Schultern fielen. Sein Gesicht war ganz klar das gleiche, wie das von Liam. Nur seine Augen nicht, die waren stechend blau und in diesem Augenblick ärgerlich zusammengezogen. Er schaute seinem Sohn in die Augen und auch hier war es weniger Wut als blanke Enttäuschung, die ich aus dem Gesicht herauslesen konnte. Er folgte meiner Mutter ins Büro des Direktors. Gespannt warteten wir im Vorraum auf das, was da kommen sollte. Liam schaute mich von der Seite an, doch ich ließ den Blick auf den Boden gerichtet. Ich war ihm zwar dankbar, dass er sich für mich eingesetzt hatte, aber musste es gleich Gewalt sein? Lässt sich sowas nicht mit Worten regeln?
Die Tür zum Büro öffnete sich und unsere beiden Eltern verließen den Raum. Meine Mutter nahm mich an die Hand und in allen anderen Situation hätte ich sie abgeschüttelt, jetzt ließ ich es einfach über mich ergehen.
Wir stiegen ins Auto, fuhren aber nicht direkt los. Zunächst drehte sich meine Mutter zu mir um.
»Du musst wissen, dass ich sehr enttäuscht bin. Ich hätte nie gedacht, dass du dich prügeln würdest.«
»Aber -«, versuchte ich mich zu verteidigen, doch mit ihrer erhobenen Hand bedeutete sie mir zu schweigen.
»Ich weiß, dass dich der Tod von Oma sehr mitgenommen hat. Das hat er bei uns allen. Trotzdem ist das kein Grund, über jemanden herzufallen, der vielleicht etwas Falsches zu dir sagt. Man kann alles mit Worten regeln, hörst du?«
»Ich habe mich doch aber gar nicht geprügelt. Ich wollte nur Liam davon abhalten.«
»Und wer Bitteschön ist Liam?«, wollte meine Mutter wissen.
»Das war der Junge, der mit mir im Sekretariat gesessen hat. Der hat mich verteidigen wollen und ich wollte ihn eigentlich davon abhalten, jemanden zu verprügeln. Vielleicht sah das aber auf Frau Morel anders aus, weshalb sie dachte, dass ich mit von der Partie gewesen sei.«
»Ach so ist das. Und das soll ich dir glauben?« Entsetzt sah ich sie an.
»Hast du jemals gesehen, dass ich mich geprügelt habe? Im Kindergarten gab es vielleicht mal Rangeleien, aber seitdem bin ich nie wieder handgreiflich geworden. Das schwöre ich dir.«
Sie schaute mich einen Moment abschätzig an, startete dann den Motor und fuhr vom Schulgelände. Sie glaubte mir nicht, das hatte ich im Gefühl.

Als wir Zuhause ankamen, setzten wir uns in der Küche gegenüber.
»Ich glaube dir. Ich weiß doch, dass du dich nicht prügeln würdest. Aber ich war so enttäuscht darüber, als ich den Anruf vom Direktor deiner Schule bekommen habe, dass ich nicht direkt darüber nachgedacht habe. Dennoch bist du jetzt erstmal drei Tage von der Schule freigestellt worden. Und dein Freund ebenfalls. Was sein Vater mit ihm macht, weiß ich nicht, aber du hast jetzt halt verlängerte Sommerferien. Die solltest du vielleicht nutzen, um den Stoff, den du jetzt verpasst, dennoch zu bearbeiten.«
»Ich glaube nicht, dass ich irgendein Stoff verpasse. Wir haben heute in Mathe einen Überraschungstest geschrieben und die Aufgaben, die wir bearbeiten sollten, hatten wir schon im letzten Jahr. Ich denke also, dass vielleicht, was in den nächsten Tagen behandelt wird, einfach nur Wiederholung vom Vorjahr ist.«
»Na gut, mein Schatz. Ich muss jetzt erstmal einkaufen. Willst du was Besonderes zum Mittag?«, fragte sie mich und ich schüttelte den Kopf. Mir war nicht nach Essen zumute. Ich wollte gerade erstmal nur allein sein.
Ich ging in mein Zimmer und schloss die Tür hinter mir. So hatte ich mir meinen ersten Tag nach den Sommerferien nicht vorgestellt.
Ich legte mich auf mein Bett und schlief kurz darauf ein.

Ein Klingeln riss mich aus dem Schlaf. Es mussten wenige Minuten vergangen sein, denn meine Mutter war noch nicht vom Einkauf zurück. Es klingelte immer noch, als ich die Küche betrat und zum Festnetztelefon ging. Komisch, ich wusste gar nicht, dass wir das noch
angeschlossen hatten. Sonst rief uns nie jemand darauf an, nicht seit Oma gestorben ist.
»Hier bei Kraus, Jonas am Apparat?«
»Man, so förmlich. Liam hier. Was treibst du so?« Verwundert antwortete ich gar nicht erst. Woher hatte er unsere Nummer? »Ihr seid im Telefonbuch eingetragen und das Internet ist relativ schnell uptodate«, beantwortete er mir meine unausgesprochene Frage.
»Ich treibe gar nichts. Ich bin gerade kurz eingeschlafen, wenn du es genau wissen willst.«
»Cool, willst du dann zu mir rüberkommen?«, schlug er vor.
»Lässt das dein Vater denn zu?« Es verwunderte mich, dass sein Vater, der vorhin noch so wütend darüber war, ihm nun erlauben sollte, Freunde einzuladen.
»Quatsch, wo denkst du hin? Mein Vater ist wieder auf Arbeit und kommt wahrscheinlich nicht vor 11 Uhr abends nach Hause. So lange habe ich sturmfrei. Also, wie sieht’s aus? Kommst du rum?«
»Da muss ich erst meine Mum fragen, aber eigentlich sehr gerne. Hier ist es gerade irgendwie sehr langweilig.«
»Cool, dann frag sie mal und ruf mich zurück. Meine Nummer siehst du im Display?« Ich hielt mir den Hörer vor die Augen und stellte fest, dass er mit dem Handy anrief.
»Jep, wird mir angezeigt. Ich rufe dich nachher an.« Damit legte ich auf. Euphorie erfasste mich und irgendwie wurde ich auch etwas nervös. Sollte er mein erster neuer Freund in der neuen Gegend werden? Und da wäre immer noch die Sache mit meiner Oma, die mir einfach nicht aus dem Kopf gehen wollte. Er kannte sie, davon war ich überzeugt. Er war es, der mir am Grab gegenüber gestanden hatte. Und ich würde es noch aus ihm herausbekommen.

Zwanzig Minuten später öffnete sich die Wohnungstür und eine vollbepackte Mum betrat den Flur. Ich nahm ihr die Tüten ab und wäre beinahe unter der Last vornüber gekippt, doch ich schleppte mich mühsam in die Küche und ließ den Einkauf auf die Arbeitsplatte fallen. Als meine Mum entkleidet hinter mir die Küche betrat, nahm ich allen Mut zusammen und fragte zaghaft: »Du Mum, Liam hat mich zu sich eingeladen. Kann ich zu ihm gehen?«
»Liam, ist das nicht der, der sich vorhin mit dem Jungen geprügelt hatte?« Oh Mist, das verhieß nichts Gutes. Meine Mutter konnte Gewalt überhaupt nicht ausstehen.
»Ja, der. Aber das war sein erstes Mal. Er prügelt sich normalerweise nie. Bitte, Mum!«, flehte ich sie an.
Ich sah, wie es hinter den Augen meiner Mutter ratterte. Sie war einerseits froh, dass ich endlich jemanden gefunden hatte, mit dem ich spielen konnte. Anderseits hielt sie Liam für einen gewalttätigen Jungen und von solchen wollte sie mich unter jeden Umständen fern halten. Ich schien aber schon zu ahnen, welche Seite die Oberhand gewinnen sollte.
»Also gut. Aber du bist pünktlich um 21 Uhr Zuhause, ist das klar? Und wehe dir, du verprügelst wieder jemanden«, fügte sie mit einem Augenzwinkern hinzu. Freudestrahlend umarmte ich meine Mutter, nahm den Hörer auf und wählte Liams Nummer. Es dauerte nicht lange, da ging er auch schon ran.
»Und?«
»Ich darf kommen. Jetzt brauche ich nur noch deine Adresse.«
»Nicht nötig, ich hole dich ab. Denn ich habe deine ja schon.«
»Alles klar, dann bis gleich.« Ich legte auf und ging in mein Zimmer. Es dauerte eine viertel Stunde, da klingelte es endlich an der Tür und ich verabschiedete mich hastig von meiner Mum. Unten angelangt sah ich freudestrahlend zu Liam auf, der mich ebenso glücklich in Empfang nahm. »Hier Kleiner, den wirst du brauchen.« Und er reichte mir einen Helm. Da sah ich erst, dass hinter ihm ein Motorroller der Marke Yamaha stand und deshalb überging ich einfach mal, dass er mich Kleiner genannt hatte.
»Ist das deiner?«, fragte ich verblüfft.
»Ne, den habe ich gerade so einem Jungen geklaut. Du weißt ja, ich bin ein voll harter Typ, ich prügel mich auch auf dem Pausenhof.« Offenbar deutete er mein Blick richtig, denn beschwichtigend setzte er hinzu: »Hey, war nur ein Scherz. Ich weiß auch nicht, was da vorhin über mich kam, als ich Sven eine verpasst habe. Es war einfach zu viel und da hat es mir einfach gereicht.«
»Mach so etwas nie wieder, bitte. Lass ihn halt einfach reden, mich stört das nicht. Soll er von mir halten, was er will. Ich weiß, dass ich der Klügere von uns beiden bin und dass er nichts gegen mich in der Hand hat.«
»Aber mich hat es gestört, okay?«, gab er aufbrausend von sich, war aber im nächsten Moment wieder ganz sanft. »Los, lass uns fahren.« Er setzte sich auf seinen Roller und ich nahm hinter ihm Platz. Ich setzte mir den Helm auf, doch stellte ich zu spät fest, dass es nichts gab, woran ich mich hätte festhalten können.
»Ähm Liam, wo soll ich mich hier eigentlich festhalten?«
»Na an mir natürlich.« Also griff ich ihm in die Seite und ab ging die wilde Fahrt. Gut, so wild war es dann doch nicht, aber schön war es dennoch. Ich beschloss, wenn ich alt genug dafür sein würde, ebenfalls den Rollerführerschein zu machen.

Zwanzig Minuten später rollten wir in eine recht noble Gegend Berlins, wie mir schien. Die Grundstücke waren allesamt durch schwere Eisengitter und -tore gesichert und in der Ferne konnte man die mehrstöckigen Prachtvillen ausmachen. Würde Liam etwa auch in solch einem Ding wohnen? Wir rauschen weiter und tatsächlich hielt er vor einem schmiedeeisernen Tor, welches sich öffnete, sobald er die Fernbedienung betätigte. Ich war überrascht. Würde man bei solch einem Vermögen nicht eigentlich auf eine Privatschule gehen oder Unterricht Zuhause bekommen? Er hielt vor der Haustür der Villa, die ihm und seiner Familie zu gehören schien und wir stiegen von seinem Roller. Liam grinste beim Anblick meines verblüfften Gesichts und geleitete mich ins Haus. Wenn das Haus schon verblüffend war, dann war die Einrichtung ein Orgasmus der Sinne. Im Eingangsbereich wandte sich eine Treppe zu beiden Seiten der Halle empor in die nächste Etage. Der Fußboden der Eingangshalle schien aus Marmor zu bestehen und die Einrichtung sah mir sehr nach Echtholz aus, kein Pressspan, wie wir ihn Zuhause hatten und dank IKEA Bauanleitung selbst zusammenzimmern mussten.
»Willst du Wurzeln schlagen oder kommst du endlich?« Ich hatte ganz vergessen, dass Liam auch noch da war, so verblüffte mich der Eindruck der Villa. Ich folgte ihm die Treppe hinauf und wir wandten uns nach rechts einen langen Gang entlang. Am Ende des Gangs stieß Liam die Tür auf und ich erblickte dahinter ein recht großes Zimmer, dass mich aber etwas enttäuschte, denn ich hatte vermutet, dass es noch größer und prunkvoller sein würde. Liam schien mein Gesichtsausdruck nicht entgangen zu sein.
»Ich stehe eigentlich nicht auf diesen Luxus und deshalb wollte ich das kleinste Zimmer und es mir nach meinem Belieben einrichten.«
»Das kleinste Zimmer? Dann will ich gar nicht wissen, wie groß die anderen alle sind, wenn schon dein Zimmer doppelt so groß ist wie meins.« Damit ging ich umher und schaute mir seine Einrichtung genauer an. An der Stirnseite des Zimmers stand eine große Anbauwand und darin ein enormer Flachbildfernseher. Darunter einsortiert eine PlayStation 4 und eine Xbox One, inklusive aller möglichen Spiele. Unter dem Fenster, welche eine tolle Aussicht auf den hinteren Garten eröffnete, stand ein langgezogener Schreibtisch, auf dem gleichzeitig sein Laptop als auch alle möglichen Bücher und Hefte Platz fanden, die er für die Schule benötigte. Gleich daneben stand ein mächtiger Kleiderschrank, den ich aus Respekt allerdings nicht öffnete. In der Mitte des Raums an die Wand gestellt, stand ein Kingsize Bett, in dem locker vier oder fünf Personen hätten schlafen können. An allen möglichen Stellen fand ich Poster berühmter Rockbands und auch hier und da eine Fußballmannschaft. Doch da ich mehrere unterschiedliche erblickte, konnte ich mir denken, dass er den Sport zwar mochte, sich aber nicht auf eine bestimmte Mannschaft versteifte.
»Na, gefällt dir, was du siehst?« Er grinste zu mir herüber und ich nickte. Ein großartiges Zimmer, in dem man den Charakter von Liam gut gezeigt bekam.
»Na los, setz dich doch«, forderte er mich auf und klopfte neben sich auf das Bett. Schüchtern setzte ich mich auf die besagte Stelle, ließ aber meine Beine über der Kante hängen.
»Wie war deine Oma so?« Mir verschlug es glatt die Sprache.

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