Kapitel 4 & 5 von „Liam und die Hilfe von oben“ jetzt verfügbar

Du möchtest mal wieder eine schöne und herzerwärmende Geschichte lesen, vielleicht auch mal fernab des ABDL-Genres? Dann schau dir doch mal meine neue Geschichte "Liam und die Hilfe von oben" an. Frisch upgedatet mit Kapitel 4 und 5. Viel Spaß beim Lesen!

Liam und die Hilfe von oben

Vermisst

Im Kino angelangt wählten wir den Film „Hotel Transsilvanien 3“ und holten uns an der Snackbar Popcorn und Getränke. Der Film war zwar schon etwas älter, aber ich hatte ihn noch nicht gesehen, also wählten wir diesen. Außerdem hatte ich vor mich mal wieder belustigen zu lassen. Während der Vorführung schaute ich immer wieder zu Tom hinüber, der neben Liam saß und stellte fest, dass er ganz und gar nicht begeistert von dem Film war, wenn er ihn überhaupt wahrnahm. Irgendwie schien sein Blick leer und gedankenverloren. Worüber er sich wohl Gedanken machte? Ob ich ihn darauf ansprechen sollte? Nur wann? Liam hing mir ständig am Rockzipfel – nicht dass mich das stören würde, ich genoss seine Nähe sehr, aber so konnte kein vertrauliches Gespräch zustande kommen und ich wusste nicht, ob Tom im Beisein von Liam darüber reden wollte.
Nachdem der Film vorbei war, kam endlich meine Chance, Tom allein zu sprechen, denn Liam verabschiedete sich kurz auf die Toilette.
»Sag mal Tom, ist was bei dir? Du wirkst so niedergeschlagen. Was bedrückt dich?«
»Ach, es ist nichts«, antwortete er ablehnend, ohne mir in die Augen zu schauen. Für ihn schien der Teppich äußerst interessant auszusehen.
»Hör auf damit. Vor kurzem hältst du mir noch vor, ich hätte dir meine Gefühle offen darlegen sollen und jetzt willst du plötzlich nicht mit mir über deine Gefühle reden? Also, erzähl schon. Was ist los?«
»Es ist nur, ihr beide wirkt so glücklich und – ach, keine Ahnung. Die Gesellschaft von Mimi fehlt mir, aber ich hatte nie solche Gefühle für sie, wie ihr beide füreinander.«
»Willst du mir damit vielleicht sagen, dass du auch schwul sein könntest?«, fragte ich zaghaft nach, doch das hätte ich wohl nicht sagen dürfen. Tränen traten ihm in die Augen und er rannte aus dem Kino, ohne auch nur auf meine Rufe zu hören.
»Was ist los, Jonas? Wo ist Tom?«, fragte Liam.
»Hm. Ich hab ihn gerade darauf angesprochen, was mit ihm los sei und er ist einfach abgehauen«, antwortete ich fast wahrheitsgemäß.
»Einfach so? Wieso das? Was hast du genau gesagt?«
Und so erzählte ich ihm von dem ganzen Gespräch. Er dachte recht lange darüber nach und griff dann zu seinem Handy.
»Ich werde ihn mal anrufen. Mal sehen, wo er sich herumtreibt.«
Er wartete, vergebens. Tom nahm den Anruf nicht entgegen. Als Liam es erneut probierte, ging direkt die Mailbox ran.
»Los, wir suchen ihn«, schlug ich vor.
»In Berlin? Spinnst du? Gerade hier am Alex ist es besser, wenn wir uns schleunigst vom Acker machen. Die Gegend ist um die Uhrzeit nicht der beste Ort, um nach einem Freund zu suchen. Wir werden zur Polizei fahren und ihn vermisst melden. Dann sucht sie nach ihm.«
»Okay, wie du meinst. Hoffentlich stößt ihm nichts zu. Er schien so wütend. Wer weiß, wohin er sich verläuft.«
»Ihm wird schon nichts passieren, mach dir keine Sorgen. In ein bis zwei Stunden wird die Polizei ihn gefunden haben und er ist auf dem direkten Weg nach Hause«, versuchte mich Liam zu besänftigen, doch ich hatte immer noch ein ungutes Gefühl.
Bei der Polizei fünfzehn Minuten später meldeten wir ihn vermisst. Wir machten alle möglichen Angaben über ihn und ich zeigte den Beamten ein aktuelles Foto von ihm, dass sie sich von mir schicken ließen.

Bei Liam Zuhause ließen wir den Fernseher laufen, um uns abgelenkt zu fühlen, doch meine Gedanken überschlugen sich. Wenn ihm was passieren würde, dann wäre das meine Schuld. Warum habe ich ihn auch so aufgeregt? Und jetzt läuft er in einer Stadt umher, die er nicht kennt, komplett auf sich allein gestellt und ohne viel Geld.
Ich lag auf Liams Bett und er auf seinem Ellenbogen gestützt neben mir. Gedankenverloren strich er mir immer wieder durch die Haare, bis uns eine Meldung aus dem Fernsehprogramm aufhorchen ließ.

Der vierzehnjährige Tom Ehle wird seit heute 20 Uhr im Raum Berlin vermisst. Die letzen Personen, die ihn gesehen haben, waren zwei Freunde von ihm. Wer ihn gesehen hat oder sachdienliche Informationen geben kann, melde sich bei der unten eingeblendeten Rufnummer oder an jeder Polizeileitstelle.‹

Neben dem Nachrichtensprecher hatten sie das Bild von Tom eingeblendet, dass ich den Polizisten geschickt hatte.
»Es wird wohl nichts bringen, wenn wir uns die Nacht um die Ohren schlagen und auf eine erlösende Nachricht warten. Wir sollten schlafen gehen«, schlug Liam vor und ich nickte nur.
Wir machten es uns im Bett gemütlich und ich genoss die Wärme und Nähe von Liam. Doch beruhigen konnte mich das Gefühl nicht. Es dauerte ewig, bis ich endlich eingeschlafen war und dann wurde es eine sehr unruhige Nacht. Schweißgebadet wachte ich am Morgen auf. Mit einem Blick auf meine Uhr stellte ich fest, dass es erst 5 Uhr morgens war.
Ich wollte mich schon wieder hinlegen, da bemerkte ich, dass auch Liam wach lag. Er schaute mir tief in die Augen und ich wusste in dem Moment, dass er wohl das gleiche geträumt hatte, wie ich.
»Guten Morgen«, wünschte er mir und doch war ich mir nicht sicher, ob er es auch wirklich so meinte. Ich legte mich zurück und drehte mich zu ihm. Ich schlang meinen Arm um ihn und vergrub mein Gesicht in seine Brust. Er legte seinen Kopf auf meinen. Ich weiß nicht, wie lange wir so da lagen, aber endlich war die letzte Träne versiegt und wir bereit zum Aufstehen. Ich richtete mich auf und spürte, dass meine Haare nass waren. Offenbar ging es Liam genau wie mir. Mein bester Freund und sein Cousin. Das schweißte zusammen.
In der Küche machten wir uns still unser Frühstück und warteten darauf, dass jede Sekunde das Telefon klingelte und sich ein übermüdeter Tom bei uns meldete. Doch das Telefon blieb stumm. Der Vormittag verging und uns wurde keinerlei Nachricht überbracht. Weder die Polizei, noch Toms Eltern noch er selbst riefen an.
Dann endlich – es war zehn nach zwölf – läutete das Handy von Liam. Erleichtert nahm er auf, ohne auf die Nummer zu achten.
»Tom, na endlich. Wo hast du gesteckt? Wir haben uns alle Sorgen gemacht. Die Polizei sucht sogar schon nach dir.«
»Ähm – Liam, hier ist nicht Tom – tut mir leid. Ich bin’s, Sarah.« Ich spürte, wie die Anspannung in mir zusammensackte, wie die Freude über erlösende Worte nachließ. Enttäuscht ließ ich mich zurück in den Schreibtischstuhl sinken.
»Ich habe von Tom in den Nachrichten gehört. Ihr seid die beiden Freunde, die ihn zuletzt gesehen haben, richtig? Du und Jonas.«
»Ja, das ist richtig. Und wir waren es auch, die ihn als vermisst gemeldet haben.«
»Oh man, es tut mir so leid. Es zerreißt mir das Herz. Er war so ein lieber Kerl -«, doch da wurde sie von Liam unterbrochen.
»WAR? WAR?! Er IST ein lieber Kerl. Er ist nur verschwunden, das ist alles. Er kehrt zurück, verstanden?« Wütend nahm er das Handy vom Ohr und legte auf. »War, ich fasse es nicht. Dass sie jetzt schon in der Vergangenheitsform von ihm redet. Sie ist ja so unglaublich feinfühlig. Oh man.«
»Ist doch okay. Sie hat es nur gut gemeint, schätze ich. Vielleicht interpretierst du zu viel in ihre Worte.«
»Ach, tue ich das, ja? Willst du mir jetzt auch sagen, dass Tom ein lieber Kerl war, aber wir ihn wohl nie wieder sehen werden? Ist es das, was du sagen willst?«
Erschrocken fuhr ich zusammen. Diese Wut, der Zorn, das alles war ich von Liam nicht gewohnt. Er fuhr sonst nie so schnell aus der Haut. Selbst als er sich bei mir beschwerte, dass ich ihn nicht zurückgerufen hatte, blieb er ruhig und ohne Provokation in der Stimme.
»Ich – ich wollte nicht – tut mir leid, dass ich überhaupt etwas dazu gesagt habe.« Ich stand auf und rannte aus dem Zimmer. Unten in der Eingangshalle zog ich mir schnell Jacke und Schuhe an und stürmte aus der Villa. Ich hörte Liam noch meinen Namen rufen, aber ich hörte nicht auf ihn. Ich rannte einfach zur nächsten Straßenbahnhaltestelle und ließ mich von ihr durch die Stadt kutschieren.
Zuhause warteten bereits meine Eltern auf mich, offenbar in der Sorge, dass ich ähnlich wie Tom weggerannt sein könnte. Erleichterung machte sich breit und meine Mum schloss mich direkt in ihre Arme.
»Ja – ja. Er ist gerade reingekommen. – Ja, okay. Sag ich ihm. – Danke, dass du angerufen hast. – Ja, tschüss.« Mein Vater legte auf und sah mich an. »Das war dein Freund. Er hatte uns informiert, dass du weggerannt seist. Es tut ihm leid, was er dir an den Kopf geworfen hat. Das soll ich dir sagen.«
»Ja, danke. Daran hätte er vielleicht vorher denken sollen, bevor er mich so anfährt.«
»Na jetzt mach mal halblang«, kreuzte mir mein Vater dazwischen. »Sollen wir dich daran erinnern, wie du dich selbst noch vor zwei Monaten verhalten hast? Du warst auch nicht gerade umgänglich.« Da war was dran, das sah ich ein.
»Wie auch immer. Ich gehe jetzt ins Bett, morgen ist Schule. Nacht.« Ohne ein weiteres Wort drehte ich mich um und ging in mein Zimmer. Ich legte mich komplett angezogen ins Bett und hing meinen Gedanken nach. Sicher, wir waren beide frustriert, nichts von Tom gehört zu haben. Aber war es dann nötig, so aus der Haut zu fahren, wie es Liam vorhin getan hat? Und was ist mit Tom? Warum hatte man ihn noch nicht gefunden? Es kann doch nicht so schwer sein, einen vierzehnjährigen ausfindig zu machen, noch dazu mit einem so guten Bild, dass ich den Polizisten überreicht hatte.
Mit brummenden Schädel schlief ich ein und hatte mit einer zweiten sehr unruhigen Nacht zu kämpfen.

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