Kapitel 4 & 5 von „Liam und die Hilfe von oben“ jetzt verfügbar

Du möchtest mal wieder eine schöne und herzerwärmende Geschichte lesen, vielleicht auch mal fernab des ABDL-Genres? Dann schau dir doch mal meine neue Geschichte "Liam und die Hilfe von oben" an. Frisch upgedatet mit Kapitel 4 und 5. Viel Spaß beim Lesen!

Liam und die Hilfe von oben

Prolog

»Dreckige Schwuchtel«, zischte es an meinem linken Ohr. Erschrocken fuhr ich in die Richtung, von der ich glaubte, die Stimme wahrgenommen zu haben, doch ich entdeckte die Person nicht mehr. Offenbar wurde sie von der Schülerschar in die entgegengesetzte Richtung getrieben, so wie sie mich zur Aula mitnahm.
Gedankenverloren und mit gesenktem Blick lief ich einfach weiter. Seit ich auf diese Schule ging, hatte ich nichts zu lachen gehabt. Aber wenn man es genau nahm, konnte ich schon längere Zeit nicht mehr fröhlich sein. Es ist einfach das passiert, das man sich in so jungen Jahren nie wünscht, wenn es dann aber doch passiert, einen komplett aus der Bahn wirft: Der Tod einer geliebten und nahen Person.

Mein Handy klingelte. Auf dem Display leuchtete der Name meiner Schwester „Melli“ auf. Eigentlich hieß sie Melanie, aber seit ich denken konnte nannte ich sie immer Melli. Ich überlegte ranzugehen, entschied allerdings sie wegzudrücken. Wenn es wichtig wäre, würde sie erneut anrufen.
Ich trank aus meinem halbvollen Cola-Glas und schenkte meinem besten Freund ein herzhaftes Lachen über seinen gerade gerissenen Witz. Ich stellte das Glas wieder auf seinen Couchtisch, als sich mein Handy erneut meldete. Dieses Mal war es eine WhatsApp-Nachricht. Genervt holte ich mein Handy wieder aus der Hosentasche und las mir die Nachricht durch. Alle Geräusche um mich herum erstarben, auch wenn mein Kumpel weiterhin auf mich und seine Freundin einsprach. Das leise Rascheln der Vorhänge, als der Wind durch die Fenster zog, nahm ich nicht mehr wahr. Einzig mein Herz, welches gerade mit enormer Kraft das Blut durch meinen Körper pumpte, hörte ich unerlässlich schlagen.
»Sie hat es nicht geschafft. Sie ist heute Morgen von uns gegangen.«
Ich starrte auf die Nachricht, ohne sie direkt wahrzunehmen. Ich las die Worte, doch deren Bedeutung wollte mir gerade nicht in den Sinn kommen. Natürlich hatte ich sie sofort verstanden, als ich sie gelesen hatte. Aber ich wollte es einfach nicht wahrhaben.
»Ist alles in Ordnung bei dir?«, fragte Tom mich. Ich musste aschfahl geworden sein, denn sein Blick verriet mir, dass er sich Sorgen machte.
»Ja klar, alles in Ordnung.« Ich ließ mir nichts weiter anmerken und steckte mein Handy zurück in die Hosentasche. Die Nachricht sollte unbeantwortet bleiben.
Wir witzelten weiter, spielten PS4, aßen zu Mittag, bis es Zeit war aufzubrechen.
Zuhause angekommen stellte ich fest, dass niemand sonst da war. Ich ging auf Toilette und kramte erneut mein Handy heraus. Mein Handy zeigte mir keine weiteren Nachrichten an, aber das brauchte es auch nicht. Für mich war nur die eine Nachricht wichtig. Ich öffnete WhatsApp und las sie mir erneut durch. Sie hat es nicht geschafft.
Eine Träne bahnte sich ihren Weg aus meinem linken Auge, gefolgt von einer weiteren aus meinem rechten. Sie ist heute Morgen von uns gegangen. Ich ließ es endlich zu, ließ endlich meine Gefühle zu. Weinend brach ich vor der Toilette zusammen. Ich umklammerte mein Handy, als wäre es ein rettender Schwimmreifen, an dem ich mich festklammern konnte. Ich wollte es vorhin, im Haus meines besten Freundes nicht wahrhaben, ich wollte ihn und seine Freundin nicht mit meinen Gefühlen konfrontieren, also ließ ich es jetzt endlich zu, geschützt in der Einsamkeit.
Es kam mir vor wie eine Ewigkeit, bis ich mich, befreit von weiteren Weinkrämpfen, auf der Toilette abstützte und aufrichtete. Ich blickte mich im Spiegel an und erkannte mich nicht wieder. Meine Augen waren feuerrot und lange Spuren von Tränen zeichneten sich auf meinem Gesicht wieder.
Ich wusch mir das Gesicht und entschied mich dazu, meine Mutter anzurufen. Mit zittrigen Händen wählte ich ihre Nummer. Nach dem zweiten Klingeln meldete sie sich:
»Gott sei Dank, Jonas! Warum hast du dich nicht gemeldet?!« Sie klang vorwurfsvoll, aber auch so, als würde sie keine Antwort erwarten.
»Ist sie – ist sie wirklich tot? Oma? Ist sie heute Morgen gestorben?« Ich war den Tränen wieder verdächtig nah und ich beendete mit einem langen Schniefer die Frage.
»Ja. Wir sind gerade im Wohnheim, ihre – naja, einiges klären…« Sie verstummte und ich merkte, dass es sie ebenfalls sehr stark mitnahm.
»Aber – sie kann doch nicht – ich meine – ich konnte mich noch nicht mal von ihr verabschieden.« Wieder rann mir eine Träne das Gesicht herunter. »Das ist so unfair! Ich wollte mich doch noch von ihr verabschieden. Sie kann doch nicht einfach so sterben!« Meine Stimme erstarb und so konnte meine Mutter nur noch mein Schluchzen wahrnehmen.
»Jonas. Mach dir keinen Vorwurf. Sie wusste, dass du dich von ihr verabschiedet hättest, wenn du es geschafft hättest. Aber alles ging so schnell. Bitte, mach dir keine Vorwürfe. Hörst du?« Auch sie schniefte in den Hörer, versuchte aber trotzdem die starke Mutter zu sein, die 18 Jahre Erfahrung aus ihr gemacht hatten.
»Ja -«, antwortete ich. »Aber – aber – ich komme zu euch.«
»Nein Jonas, du bleibst Zuhause. Hast du gehört, mein Schatz? Du verlässt das Haus bitte nicht mehr. Okay?« Ein ängstlicher Unterton hatte sich nun in ihre Stimme gemischt.
»Ja, ist gut.« Damit legte ich auf.
Ich verzog mich auf mein Zimmer, legte das Handy beiseite und schmiss mich auf mein Bett. Mit dem Gesicht im Kopfkissen vergraben, ließ ich meinen Gefühlen freien Lauf.

Dieses Ereignis warf mich binnen weniger Minuten komplett aus der Bahn. Ich liebte meine Oma über alles. Ich war ihr kleiner Prinz und sie spielte ihre Rolle als Großmutter echt wunderbar. Ich konnte mich einfach auf sie verlassen. Dann wurde sie krank, urplötzlich. Ich meine, sie hatte schon einmal Probleme mit dem Krebs, noch vor meiner Geburt. Aber diesen hatte sie erfolgreich besiegen können. Doch dieses Mal war es nicht so einfach. Sie wurde schnell schwach, magerte in enorm kurzer Zeit radikal ab. Es war uns unterbewusst klar, dass ihr nicht mehr viel Zeit blieb. Aber dass es dann doch so schnell ging, damit hatte zumindest ich nicht gerechnet.

Meine Hände verschränkt vor dem Bauch, schaute ich auf meine schwarzen Schuhe. Meine Hose hatte Bügelfalten, mein schwarzes Hemd und schwarzes Jacket ebenfalls. Ich fühlte mich unwohl in meiner Haut. Aber noch unwohler fühlte ich mich an diesem Ort. Ich stand zusammen mit meiner Familie und ein paar Freunden und Bekannten vor einem riesigen Loch. Der Sarg war bereits in dem Grab verschwunden, aber ich konnte mich einfach nicht von diesem Anblick lösen. Meine Oma, die mich über alles liebte und mich ihren kleinen Prinzen nannte, lag nun dort unten, direkt neben dem Grab meines Großvaters, der noch lange vor meiner Geburt verstarb und ich somit nie kennenlernte. Erneut traten mir die Tränen in die Augen und ich schüttelte sie wütend ab. Warum so früh? Warum gerade sie?
Ich spürte eine Hand auf meiner Schulter.
»Komm, Jonas. Wir wollen gehen.« Es war meine Schwester, die mir traurig in die Augen schaute.
Ich antworte nicht und blieb dort stehen, festgewurzelt. Insgeheim musste ich über diesen Wortwitz lachen, hieß sie schließlich mit Nachnamen Wurzel.
Meine Schwester versuchte es nicht weiter und ließ mich allein. Dann schlang meine Mutter ihre Arme von hinten um mich.
»Wir warten am Auto auf dich.« Sie drückte mir einen Kuss auf die Wange und ließ mich allein.
Als die letzten Tränen versiegt waren, schaute ich auf. Ich war tatsächlich als einziger zurückgeblieben, bis auf eine Ausnahme. Mir gegenüber stand ein Junge, etwa in meinem Alter. Auch er wirkte traurig und still rannen ihm Tränen über sein Gesicht. Ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen, aber er schien meine Oma zu kennen. Doch woher?
Als ich mich endlich dazu entschlossen hatte ihn anzusprechen, drehte er sich plötzlich um und verließ den Friedhof.

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